Enja Riegel, Schulleiterin der Helene-Lange-Schule, Wiesbaden

Rituale - Elementare Bestandteile einer christlichen Schulkultur

Ich bedanke mich, dass ich hier sein darf. Ich wusste gar nicht, wie schön es sein würde und ich habe gestern viele Anregungen bekommen für das, was wir in der Schule machen, und ich habe manches sogar besser verstehen gelernt von dem, was wir machen und nehme also Vieles mit nach Hause. Schönen Dank!

Ich kann sehr gut auf das aufbauen, was Herr Jellouschek und Herr Klosinski gestern ausgeführt haben. Ich kann mir alles sparen, was ich selbst an theoretischen Überlegungen angestelllt hatte. Das brauche ich Ihnen jetzt nicht mehr zu sagen. Das wissen Sie jetzt alles, und ich kann mich ganz auf das konzentrieren, wie wir, damit meine ich die Kolleginnen und Kollegen, aber auch die Schülerinnen und Schüler und die Eltern an der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, wie wir Rituale verstehen, wie wir mit ihnen umgehen. Das kann man nur verstehen, wenn man ein bisschen weiß, wie wir Schule machen, weil Rituale nicht einfach in jede Schule hineintransportiert werden können und noch sozusagen ein bisschen das i-Tüpfelchen sind, von dem was man so an Fachunterricht macht. Dazu gehört doch mehr, und ich habe das Gefühl, und das spüre ich hier in diesem Haus, dass diese Schule auf einem guten Weg ist und dass hier ein Klima herrscht und hier Lehrer sind, die wirklich so etwas zustande bringen können.

Ich will Ihnen zunächst einmal ganz kurz erzählen, von welcher Schule ich komme und mit welchen Rahmenbedingungen wir es an meiner Schule - ich spreche immer von meiner Schule,

weil ich sie auch sehr liebe. Ich bin seit fünfzehn Jahren Schulleiterin und mache das mit großem Engagement. Vor ungefähr 13 Jahren haben die Lehrerinnen und Lehrer und ich - ich war damals eben erst zwei Jahre an der Schule - überlegt, wie wir die Schule verändern können. Es handelt sich bei der Helene-Lange Schule um ein 150 Jahre altes, ursprünglich einmal Mädchengymnasium, Höhere Töchterschule, im Jahre 1847 gegründet, als das Bürgertum in Wiesbaden auch etwas für seine Mädchen und Frauen tun wollte.Im Laufe der Zeit haben wir auch Jungens aufgenommen, obwohl wir nicht genau wussten, was Koedukation ist. Das ist aber ein anderes Thema. Und wir haben - das war vor meiner Zeit - die Oberstufe abgetrennt und in unmittelbarer Nähe neu aufgebaut ein großes Oberstufenzentrum, in das unsere Schülerinnen und Schüler auch gehen, wo Sie aber auch zusammentreffen mit vielen Schülern aus anderen Schulen. Wir hatten es zu tun mit einer Schule, einem Gymnasium Klasse 5-10 und waren unzufrieden und wollten aus dieser Routine heraus, die wir gespürt haben und die eigentlich nicht mehr viel mit dem zu tun hat, warum wir mal Lehrer geworden sind. Und wir haben uns auf den Weg gemacht, haben uns gute Schulen angeschaut und haben daraus ein Konzept erfunden, von dem wir glaubten, das würde den Kindern von heute und auch uns Lehrern entsprechen. Und einiges von diesem Konzept muss ich Ihnen erzählen, damit Sie verstehen, welche Rolle die Rituale dabei spielen.

Zunächst einmal haben wir die Schule räumlich verändert. Wir haben jedem Schülerjahrgang, das sind immer 100 Kinder in vier Parallelklassen, eine Heimat, ein Revier gegeben. Jeder Jahrgang hat sein Stockwerk, seine vier Klassenräume. Dazu gehört ein großer Raum, den nennen wir Schülertreff. In diesen Raum öffnen sich die Klassenraumtüren und dort kann Gruppenarbeit stattfinden, kann Theater gespielt werden, können Ausstellungen gemacht werden. Gleichzeitig gehört zu einer solchen Jahrgangseinheit auch ein kleines Lehrerzimmer und ein Materialraum. Die Schülerinnen und Schüler und die Lehrer haben die Verantwortung für diese Räume, die ihnen auf Zeit - zunächst einmal für zwei Jahre - gegeben sind. Wir wünschen uns, dass sie sie gestalten, dass sie sie schön machen, dass dort Pflanzen sind, dass dort das, was Kinder im Unterricht herstellen - egal ob das Kunst, Mathematik oder andere Dinge sind -, dass wir diese Spuren von den Kindern dort wiederfinden und dass sie mit diesen Räumen achtsam und liebevoll umgehen. Wir putzen unsere Schule selber, denn als wir die Schule so verändert haben, haben wir Lehrer uns gesagt, es kann doch nicht angehen, dass wir Kindern und Lehrern diese Verantwortung für die Räume geben, aber nachmittags um 13.30 Uhr kommen die türkischen Putzfrauen. Also putzen wir selber und haben nach einem langen Kampf - das erzähl ich jetzt hier nicht - auch erreicht, dass die Stadt Wiesbaden uns das Geld dafür gibt. Wir bekommen 50.000 DM im Jahr, dafür dass wir selber putzen. Und dafür sind bei uns Künstler an der Schule. Schauspieler, Sänger, Regisseure, Maler. Eine ganze Menge Menschen, die etwas können - die nicht Lehrer sind. Ich meine nicht, dass Lehrer nichts können, aber man braucht auch Menschen an der Schule, die etwas mit Leidenschaft tun und wirklich auch nicht dauernd darüber nachdenken, ob das jetzt pädagogisch sinnvoll, sozusagen eingefädelt ist, sondern, das muss gemacht werden. So, das sind die Räume. Jeder Jahrgang zieht nach zwei Jahren um und muss dann seinen Jahrgang vollkommen renoviert dem nächsten Jahrgang übergeben. Das zweite ist: Wir haben uns in unserer Schule - das ist eine ganz einschneidende Veränderung - entschlossen, dass wir die Lehrer ganz anders einsetzen als vorher. Nicht mehr mit ihren zwei Fächern über die Schule verstreut, sondern jeder Jahrgang wird unterrichtet von einem festen Lehrerteam. Das sind ungefähr 8 bis 9 Lehrerinnen und Lehrer und die gehen mit diesem Jahrgang mit, d.h. in der Regel bleiben diese Lehrerinnen und Lehrer als Gruppe sechs Jahre zusammen und die Schülerinnen und Schüler haben es in den gesamten sechs Jahren mit dieser Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern zu tun. Das hat den Sinn, dass wir viel Kontinuität und viel Verlässlichkeit in die Schule hineinbringen wollten und dass Kinder, die ausserhalb der Schule viele Brüche und viel Leid erleben müssen und aus Familien kommen, wo häufig nur ein Elternteil anwesend ist, sie wenigstens in der Schule Menschen treffen, auf die sie sich verlassen können, und dass die für die Dauer ihrer Schulzeit da sind. Man muss nicht jeden Lehrer lieben und natürlich gibt es Schwierigkeiten auch zwischen Schülern und Lehrern und unter Lehrern auch. Es ist für uns nicht ganz einfach im Team zu arbeiten. Aber man sucht sich ja auch seine Eltern nicht aus. Aber es gibt die Verlässlichkeit. Ich weiß, mit wem ich es zu tun habe und wie ich mit ihm umgehen muss, und es gibt genügend Lehrer. Wenn mir da einer sozusagen nicht so gut gefällt, dann gibt es ja andere. Wichtig sind die Klassenlehrer. Bei uns hat jeder Klassenlehrer in Klasse 5 und 6 mindestens zwölf Stunden in seiner Klasse, und sie werden gleich merken, dass das ja gar nicht geht, ohne dass die Lehrerinnen und Lehrer fachfremd unterrichten. Jeder Lehrer, der bei uns an der Schule unterrichtet, unterrichtet nicht nur seine studierten Fächer, sondern mindestens zwei manchmal sogar drei Fächer zusätzlich. Das kann man von jedem studierten Lehrer erwarten. Es ist auch ein Vergnügen, sich in neue Gebiete einzuarbeiten. Das macht auch die Lehrer noch einmal ganz neugierig, und es ist schön, wenn Lehrer auf Fragen von Schülern sagen können: „Das weiß ich eigentlich selber nicht, da müssen wir mal nachschauen, da müssen wir mal nachforschen, wo können wir da nachfragen?“ Es ist wunderbar und belebt den Unterricht.

Die Teams haben bei uns eine gewisse Teilautonomie. Sie machen ihren Vertretungsplan selber, sie machen einen Jahresarbeitsplan, in dem sie festhalten, welchen Schwerpunkt das Jahr inhaltlich haben soll und sie haben auch eigenes Geld, über das sie verfügen. Und da die Lehrerinnen und Lehrer in einem solchen Team, mit der Mehrzahl oder die meisten sogar ausschließlich in einem solchen Team unterrichten, ist natürlich ein solches Lehrerteam ein Jahr lang sehr flexibel. Wenn die beschließen, wir sind die nächsten beiden Tage überhaupt nicht da, dann macht das nichts, außer dass sie es uns mitteilen müssen. Aber es betrifft nicht den ganzen übrigen Schulapparat, sondern sie können das selber entscheiden. Der nächste wichtige Punkt ist, dass wir den Unterricht auch sehr radikal verändert haben. Wir fanden, dass das Lernen in Fächern nur zu einem gewissen Teil den Kindern und auch unserer Lebenswelt heute gerecht wird. Dass also viele Fragen, die Kinder stellen oder die auch heute beantwortet werden müssen, ja nicht nur von einem Fach aus gesehen werden können, sondern wo viele Fächer zusammenkommen müssen. Ich habe vergessen zu sagen, dass wir uns in eine Gesamtschule umgewandelt haben; das war eine Voraussetzung für diese Veränderung. Wir hatten ja nun auch Schüler, die ganz andere Fähigkeiten mitbrachten oder ganz andere Schwierigkeiten, und deshalb fanden wir, es muss ein Unterricht sein, in dem viel mit den Händen gemacht wird. Und viel mit allen Sinnen. Das geeignete Instrument dafür, schien uns ein fächerübergreifender Projektunterricht. Es gibt also bei uns an der Schule in jedem Halb-

jahr, in jeder Klasse oder in jedem Jahrgang jedes Halbjahr eine lange Projektphase von sechs bis acht Wochen mit einem großen Rahmenthema. Das kann sein, das Thema Wasser oder das Thema Wald oder das Thema Tiere oder Indianer oder was auch immer. Ich bleibe da nicht dabei - das ist auch wieder ein abendfüllendes Thema - nur damit Sie wissen, wie kompliziert auch dieser Unterricht und die Organisation ist, die wir an dieser Schule haben. Wir waren von Anfang an so klug, dass wir gesagt haben, alles was wir neu erfinden dürfen wir nicht nur dem Anfangsengagement von Lehrerinnen und Lehrern überlassen, sondern es muss fest in die Organisation der Schule eingehen, es muss dort verankert werden. Also auch der Projekt-

unterricht, der kompliziert ist, weil so viele da zusammenarbeiten. Beim Thema wie Wasser, da sind die Naturwissenschaften dabei, da ist Kunst, da ist Musik, da ist die Literatur mit drin, da ist die Geographie mit drin, da sind ja viele Absprachen notwendig und das muss irgendwie fest verankert werden. Also gibt es in unserer Schule zunächst einmal jeden Montag Nachmittag die Teamsitzung, ganz fest und verpflichtend für alle Lehrerinnen und Lehrer, dort werden die Absprachen getroffen, dort wird auch bilanziert. Und die nächste wirklich gute Erfindung auch - nach 13 Jahren finden wir das alle - wir haben einen Bereich geschaffen, nicht ein neues Fach, sondern einen neuen Bereich, den nennen wir „Offenes Lernen“. Dieser Bereich hat vier Stunden und wird aus den Stunden von den Fächern gespeist. Jedes Fach muss irgendwann im Laufe der Sekundarstufe I mal eine Stunde abgeben an diesen Bereich „Offenes Lernen“.

Dieses „Offene Lernen“ Wird mit seinen vier Stunden dem Klassenlehrer gegeben und diese vier Stunden liegen alle an einem Tag hintereinander, gleichzeitig mit zwei weiteren Stunden des Klassenlehrers, so dass der Klassenlehrer an einem Tag auf jeden Fall in der Woche sechs Stunden hintereinander in seiner Klasse ist, was noch viel mehr die Möglichkeiten eröffnet, überhaupt nicht mehr auf das Klingelzeichen zu achten, die Werkstätten zu nutzen, sich außerhalb der Schule zu bewegen, Leute in die Schule reinzuholen und alle diese Dinge, von denen wir auch Gebrauch machen. Es gibt die Auflage an die Teams, mindestens an diesem Tag muss in den Klassen auch praktisch gearbeitet werden. Denn wir Lehrer neigen dazu, immer schnell, schnell, schnell und so langsam gehen wir dann doch wieder zum Schulbuch über. Aber an diesem Tag und in diesen Stunden findet das „Praktische Lernen“ statt und das ist der Dreh- und Angelpunkt auch für das Projektlernen. Wir unterrichten mit offenen Klassenraumtüren, es sei denn eine Klasse möchte nicht gestört werden, dann macht sie die Türe zu. Nicht immer bei allen Dingen sind die Lehrer anwesend. Wenn eine Gruppe außerhalb des Klassenraums im Schülertreff arbeitet ist der Lehrer natürlich nicht dabei. Alle diese Dinge, die ich Ihnen jetzt erzählt habe, sind für Schülerinnen und für Schüler, aber auch für Lehrer nicht ganz einfach zu durchschauen und auch sozusagen zu praktizieren. Wir haben deshalb von Anfang an gesagt, wir brauchen neben einem solchen anderen Unterricht, neben einer so komplizierten Organisation, neben so viel Offenheit in der Schule etwas, was uns allen mehr Sicherheit gibt. Auf das wir uns zusätzlich, außer auf die Personen, verlassen können. Das war die erste Überlegung, warum wir Rituale brauchen, um uns in der Alltagsarbeit ein Geländer zu geben, um uns Sicherheit zu geben. Der zweite Grund war für uns Lehrerinnen und Lehrer, dass die Lebenswelt der Kinder sich so verändert hat und die Schülerinnen und Schüler ja außerhalb kaum in Familien noch mit Ritualen, mit Festen, mit Bräuchen zu tun haben, dass sie relativ orientierungslos auch aufwachsen und wir glaubten, es ist gut in einer Schule, die auch ein Lebensraum sein will, wenn wir durch Rituale hier in der Schule, mehr Orientierung geben. Ich will das jetzt gar nicht weiter begründen, weil das gestern ja sehr ausführlich war und würde jetzt gerne dazu übergehen, dass ich Ihnen zunächst einmal einen Überblick gebe, was es an unserer Schule eigentlich für Rituale gibt. Ich will dann einige der Rituale, und da habe ich das so ein bisschen umgestellt was ich heute mache, näher beschreiben und zwar die, die stärker auf die Pubertätsjahrgänge eingehen, weil das gestern so eine Frage an Herrn Klosinski war, ja wie machen wir das denn, mit Initiationsriten und mit veränderten Herausforderungen an die heranwachsenden Jugendlichen. Und ich möchte zum Schluss noch etwas daz

u sagen, wie bei uns Rituale eingeführt und verändert werden. Wir haben Rituale, die die Lebenszeit gliedern, weil wir glauben, dass die Schüler in ihrem Heranwachsen auf den einzelnen Stufen ihres Lebens, dass sie dort erfahren müssen, dass das herausgehoben wird. Dass da nicht, wie ein Zeitbrei einfach so sechs Jahre, vergehen. Dann haben wir Rituale, die unsere Alltagssituation entlasten, also Rituale, die stärker den Unterricht betreffen und wir haben Rituale, die das Zusammenleben unterstützen. Wir haben dann auch eine Reihe von Ritualen, die nur die Lehrer betreffen, weil ich glaube, eine gute Schule braucht nicht nur Rituale für Schüler, sie braucht sie auch für Lehrerinnen und Lehrer. Ich fange mal an mit der Lebenszeit.

Anfang und Ende einer Lebensstufe werden durch Rituale in besonderer Weise inszeniert und tragen aus dem übrigen Fluss der Zeit heraus. Dazu gehört bei uns die Aufnahmefeier für die neuen Fünftkläßler, die wir in besonderer Weise gestalten und da will ich auf eines hinweisen, was wir aber erst im Laufe der Zeit gelernt haben. Also, es genügt ja nicht, eine schöne Feier zu machen, sondern das was Herr Jellouschek gestern gesagt hat, es muss da drin auch etwas symbolhaftes aufleuchten, was den Schülern ohne Worte mitgibt, worin sich eigentlich diese Schule abbildet, was heißt das, jetzt in dieser Schule zu sein? Und neben den vielen, schönen Vorführungen und Musik und Singen usw. gibt es bei und zum Schluss folgende kleine Sache:

Ich als Schulleiterin, Vertreterin dieser Institution, betrete die Bühne und dann werden alle Schüler einzeln bei ihrem Namen gerufen und kommen auf die Bühne und ich gebe ihnen die Hand zum Zeichen, dass sie jetzt aufgenommen werden und der Klassenlehrer gibt ihnen eine Sonnenblume. Sie stehen dort oben so lange, bis die ganze Klasse versammelt ist und dann gibt es den großen Chor der Schule, die dazu singen und die Klasse und der Lehrer ziehen mit ihren Sonnenblumen aus. Das heißt auch für die Eltern: Jetzt müssen wir die Kinder ein Stück freigeben. Jetzt gehen sie in diese Einrichtung und etwas von dem, was uns doch eigentlich gehört hat, ist uns jetzt auch genommen. Aber es ist gleichzeitig auch etwas Freudiges. Eine zweite, einschneidende Feier ist bei uns die Verabschiedung des Jahrgangs 10. Ich komme da später nochmal drauf, weil das eigentlich der Punkt ist, der uns am meisten Bauchschmerzen gemacht hat. Es ist nicht so schwer, einen Abiturjahrgang zu verabschieden, aber ein Jahr-

gang 10 zu verabschieden, die immer noch in der Pubertät sind, das ist ganz schwer. Gerade in einer Schule, die so viel auf persönliche Kontakte und Zuverlässigkeiten, Kontinuität setzt, wo die Schüler das Gefühl hatten, hier gehöre ich wirklich hin. Dann zu sagen: „Jetzt raus mit euch, jetzt gehört ihr nicht mehr dazu“, also das hat uns sehr, sehr viel Mühe gekostet und sehr viel Verletzungen waren da auch mit im Spiel; dass wir eine Form gefunden haben, das erzähl ich nachher noch mal. Dann gibt es eine Klassenchronik, von der Klasse 5 bis zur Klasse 10 gibt es ein Buch in jeder Klasse und da werden die wichtigen Ereignisse eingetragen, Fotos eingeklebt, Bilder gezeichnet von dem Leben der Klasse und zum Schluss, wenn die Schüler gehen, bekommt jeder eine Kopie von diesem schönen Buch. Dann gibt es bei uns eine Monatsfeier, also wir haben, wie Sie schon hören vom Namen her, haben wir uns natürlich überall die Sachen zusammengeklaut, das kommt aus dem Jena-Plan, aus der Peter Peter sen-Pädagogik, d.h. jede Klasse, vor allen Dingen 5, 6 und 7 macht einmal im Monat macht eine Klasse im Jahrgang eine Feier für den Jahrgang. Da werden Dinge vorgeführt, das können Geschichten sein, das kann aber auch Musik sein, jedenfalls etwas, wo der ganze Jahrgang sich versammelt und die Mitschülerinnen und Mitschüler irgend etwas vorführen. Dann gibt es die große Weihnachtsfeier. Wir sind eine Schule, die überwiegend Lehrer hatte, die zu den sogenannten 68ern gehören, die waren so stolz darauf, dass sie alles über Bord geworfen hatten. Ich erinnere mich noch sehr gut an diese furchtbaren Auseinandersetzungen, als ich zum ersten Mal vorgeschlagen habe, dass wir wieder eine Weihnachtsfeier machen. Inzwischen gehört die Weihnachtsfeier zu unserem festen Bestand, auf die wir uns freuen und an die wir uns auch gerne erinnern. Dann gibt es so etwas, das heißt bei uns Maifestspiele, die Stadt Wiesbaden hat Festspiele, die heißen Maifestspiele aber wir haben unsere eigenen Maifestspiele, wir haben eine große Theaterwerkstatt, die immer im Mai ihre Produktion herausbringt und Theaterspielen spielt bei uns eine ganz zentrale Rolle in der Schule. Jedenfalls, wenn diese Produktion, wenn dieses Stück aufgeführt wird, das war im letzten Jahr der Sommernachtstraum von Shakespeare, dann heißt das, die Schule geht ins Theater. Das sind Abendvorstellungen und alle Schüler und alle Eltern und alle Lehrerinnen und Lehrer gehen ins Theater. Das ist ein richtiges Fest, das sich fast zwei Wochen hinzieht, weil wir sie ja gar nicht immer alle zusammenkriegen, und dann kommen auch die Großeltern und die Verwandten und die Nachbarn mit dazu. Das kostet Geld - das finde ich auch wichtig - bei uns kostet Kultur Geld, damit die Schüler auch ein Gefühl dafür bekommen, dass das nichts ist, was einfach nur so umsonst ist, sondern dass es einen Wert hat. Von dem Eintrittsgeld können wir es uns leisten, solche Theaterproduktionen auch herzustellen. Die müssen wir selber finanzieren. Dann haben wir ein großes Sommerfest, das ist ein UNESCO-Fest, wir sind UNESCO-Schule und haben ein großes Entwicklungshilfeprojekt in Nepal, für das wir - das ist auch ein Lieblingsthema -im Jahr inzwischen ungefähr 100.000 DM aufbringen, um dort Krankenhäuser, Schulen, Lehrergehälter, Frauenarbeitsplätze, Werkstätten finanziell zu unterstützen. Wir haben dort mehrere Silberschmieden, wir haben aber auch eine Teppichmanufaktur, wir sind ein richtiger Bazar. Also wer mein Zimmer betritt, geht sofort auf die Teppiche unseres Nepalprojekts zu - und darf kaufen. Die Erlöse des Sommerfestes gehen immer nach Nepal. Und wir haben dann noch im November einTheaterstück einer Klasse 9 und im Februar auch noch mal einTheaterstück der Klassen 9. Auch diese Theaterstücke werden von allen Schülern besucht und finden während der Unterrichtszeit statt. Das finde ich wichtig, dass Theater während der Unterrichtszeit stattfindet, dass das nicht etwas ist, was man mal so freiwillig nachmittags machen kann. Sondern das hat einen so hohen Wert, dass dafür Fachunterricht ausfallen muss. An diesen Veranstaltungen, die ich jetzt genannt habe, ist fast immer die ganze Schule oder zumindest ein ganzer Jahrgang beteiligt. Viele bereiten das vor, viele arbeiten da mit, und das, was wir in der Schule wollen und was uns wichtig ist, wird in diesen Festen und Feiern und Veranstaltungen auch abgebildet und ist damit identitätsstiftend. Ich erzähle Ihnen jetzt etwas von den Ritualen, mit deren Hilfe wir unseren Alltag strukturieren. Das fängt bei einer ganz einfachen Sache an , die aber so heiß diskutiert worden ist bei uns, und immer von unseren Besuchern mit Staunen bemerkt wird: Wir beginnen

mit zwei Ausnahmen - alle unseren Unterricht mit einem Handzeichen. Die Schüler, die das Handzeichen beim Lehrer sehen, wiederholen dieses Handzeichen, es wird weitergegeben. Und das ist so in der Schule drin, wenn ich mich in der Klasse 9 oder 10 vor 200 Schüler stelle und das Handzeichen mache, dann wird das weitergegeben und ganz schnell ist vollkommene Ruhe. Dieses Handzeichen ist nicht ein einseitiges, was nur der Lehrer benutzt, sondern eben auch die Schüler. Da gab es natürlich die Diskussion, die hatten wir ja sowieso diese leidige Diskussion: „ Aber die Nazis, und die hatten doch auch..... und so.“ Da darf man sich überhaupt nicht stören und beeinträchtigen lassen. Die Nazis haben auch die Volkslieder gesungen und haben sie missbraucht, die haben vieles missbraucht, und deshalb sind die Dinge ja trotzdem gut und richtig und wir stehen jedenfalls dazu. Ich sage das nur deshalb, weil das immer wieder hochkommt bei den Leuten, die unsere Schule besuchen.

Dann gibt es bei uns, um die Woche zu gliedern, den Montagmorgen-Kreis von Klassse 5 bis Klasse 10 fest. Der Klassenlehrer ist dann in seiner Klasse, und das ist am Anfang mehr ein Erzählen, wie war’s am Wochenende, was ist mir Gutes passiert, was ist mir Schweres passiert. Im zweiten Teil dieses Montagmorgen-Kreises planen wir die Woche, es hat sozusagen zweierlei Funktionen. In der letzten Stunde in der Woche, ist Klassenrat. Diese Stunde gehört der Klasse und der Klassenlehrer ist natürlich anwesend. Diese Stunde ist dazu da, dass die Klasse noch einmal darüber reden kann: „Was war in dieser Woche, was war gut, was war schlecht, was wollen wir anders haben, worüber habe ich mich besonders geärgert?“ Sie wird vorbereitet durch eine Wandzeitung, die am Anfang der Woche ausgehängt wird, da tragen die Schüler ein, worüber sie reden wollen und was ihnen auf der Seele liegt. Sie lernen in diesem Klassenrat auch, wie man so etwas selber leitet. Sowohl Morgenkreis, als auch Klassenrat finden im Kreis statt. Bei uns spielen die verschiedenen Sitzordnungen eine wichtige Rolle und der Kreis ist immer für uns das Symbol, dass hier jeder gesehen wird, aber auch jeder dazugehört und jeder aufgenommen ist. Es gibt gerade für den Anfangsunterricht auch Formeln für den Klassenwart, also etwa so: „Hiermit eröffne ich den heutigen Klassenrat“ oder „Ich erteile dir zunächst einmal das Wort“ oder dann auch gegen Ende „Wie können wir eine Lösung finden?“ Diese Formeln werden zunächst vorgegeben. Das ist so etwas, wie Herr Jellouschek gestern beschrieben hat. Später erübrigt sich das. Da finden die Schüler ihre eigenen Worte. Der Klassenrat mach auch so seine Geschichte durch und es hängt ein bisschen auch vom Lehrer ab, wie wichtig er das findet. Manche Lehrer können es überhaupt nicht abwarten, dass endlich dieser Klasssenrat ihrem normalen Fachunterricht zugeschlagen wird. Wir achten sehr darauf, dass das nicht passiert. Die Schüler haben auch das Recht, sich da zu beschweren und sich das nicht gefallen zu lassen, und man muss auch manchmal Durststrecken dabei durchstehen. Dann gibt es für eine ganze Reihe vonUnterrichtsfächern oder auch Dinge die wir im Unterricht machen, richtige Ritualisierungen, also zum Beispiel immer dann, wenn Schüler etwas vorbereitet haben und es der ganzen Klasse vorlesen, zeigen, vorführen, gibt es dafür einen festgelegten Ablauf. Also freie Texte, Aufsätze werden bei uns so vorgelesen, dass die Schüler im Kreis sitzen, der vortragende Schüler steht am Rednerpult. Wir haben ein Rednerpult in jedem Jahrgang, und die Schüler lernen, nicht nuschelnd am Platz zu sitzen und irgend etwas, was nur die Nachbarn verstehen, zu sagen, sondern richtig frei zu reden und da zu stehen. Und wenn die Schülerin oder der Schüler fertig sind mit Vorlesen, dann gibt es Beifall. Egal wie der Text war. Das ist der Dank, dass „Du gewagt hast, dich vor uns hinzustellen.“ Und erst danach kommt die Frage: „Was war gut oder was könnte denn noch besser werden?“ Aber nicht diese frühe, schreckliche Kritisiererei, die über Schüler herfällt, so dass die Schwachen sich gar nicht mehr getrauen, so etwas zu machen. Und so haben wir eine ganze Menge Dinge. Das machen wir auch in den Naturwissenschaften und auch bei Buchvorstellungen, auch im Musikunterricht. Wenn ich in eine Klasse gehe - manchmal mache ich Vertretungsunterricht - dann sag’ ich ein Gedicht auf und dann bekomme ich immer Beifall, freundlichen Beifall. Ich kann mich wirklich darauf verlassen, wenn ich etwas mache, wo die Schüler das Gefühl haben, sie hat sich ein bisschen angestrengt für uns, dann gibt es Beifall. Dann haben wir etwa, das sich auf den Religionsunterricht bezieht. Wir beginnen, insbesondere in Klasse 5, 6 und 7 - später verliert sich das leider ein bisschen - mit einer Stillübung. Im Jahrgang 5 und 6 ist es bei uns im Augenblick so, dass die Schüler in der Pause ein Mandala im Zentrum des Raumes vorbereiten, mit einem gewissen Schmuck, mit Muscheln oder mit einer Kerze oder mit Blumen, und sie sitzen auf dem Boden im Kreis, und es gibt eine stille Übung. Diese Übung kann zehn Minuten dauern, sie kann aber auch 20 Minuten dauern.

 Ein anderes Thema: Wir haben jetzt beraten - das war eine lange Diskussion - brauchen wir einen zweiten Computerraum oder brauchen wir einen Raum der Stille? Wir haben uns für den Raum der Stille entschieden.

Als drittes gibt es Rituale, die sich auf das Zusammenleben beziehen, die sozusagen die Konflikte der Schüler untereinander versuchen zu regeln. Die Konflikte zwischen Lehrern und Schülern, die Konflikte zwischen Schülern und Schulleitung. Ich habe schon den Montagmorgen-Kreis genannt, der hat zwei Funktionen. Der dient auch dem Mitteilungsbedürfnis von Schülerinnen und Schülern, dem achtsamen Zuhören, wenn jemand etwas wirklich Wesentliches, auch Schmerzliches, erzählt.

Auch der Klassenrat hat natürlich mehrere Funktionen. Dann haben wir einen Jahrgangsrat. Da werden Probleme diskutiert, die dann in der Regel an das Lehrerteam gehen oder an die Schulleitung. Wir haben ein ganz großes Ritual mit Geburtstagsfeiern. Jeder Geburtstag wird gefeiert. Da gibt es Ausformungen, die den einzelnen Klassen überlassen sind, aber es gibt so Dinge, die auch Tradition geworden sind, es gibt zum Beispiel den „Wunschstab“, der weitergegeben wird oder den Stein, der weitergegeben wird, und dem Kind wird etwas gewünscht. Das Kind, das Geburtstag hat, bringt etwas zu essen mit, einen Kuchen oder etwas anderes. Also da gibt es unterschiedliche Formen. Wir empfangen neue Schülerinnen und Schüler, die einzeln in Klassen kommen, sehr festlich. Vor allen Dingen verabschieden wir einzelne Schüler, die irgend wann unsere Schule verlassen, immer sehr ausführlich und freundlich und geben ihnen etwas mit auf den Weg, was sie an und erinnert. Wir haben in den Klassen 5 und 6 dann an jedem Ende eines Vormittags, einen Stehkreis. Die Schüler stehen noch einmal im Kreis, nehmen sich an der Hand und wünschen sich einen guten Tag. Das geht allerhöchstens bis zum Ende der Klasse 6, dann ist der Widerwille dagegen groß und insbesondere fassen sich Mädchen und Jungen nicht mehr an der Hand.

Dann gibt es bei uns spontane Inszenierungen, die wir aus bestimmten Anlässen heraus glauben, machen zu müssen. Wenn ein Krieg ausbricht, wenn ein Asylantenheim in Flammen aufgeht, dann können wir darüber nicht hinweggehen. Da reden wir nicht nur in der Klasse darüber, auch dafür haben wir Formen oder bemühen uns Formen zu finden, die uns mehr geben und uns auch über die Betroffenheit und den Schmerz des Augenblicks auch so etwas wie Hoffnung geben. Wir haben zu Beispiel in unserer Schule eine riesige Friedensfahne. Die haben wir einmal hergestellt, vor 15 Jahren glaube ich, die ist so groß wir die Vorderfront unseres vierstöckigen Gebäudes. Ich wollte sie immer mal wegschaffen, weil sie so schwer zu lagern ist, aber sie tut gute Zwecke. Als zum Beispiel der Golfkrieg ausgebrochen ist und wir so fassungslos waren, was wir damit machen sollen, da haben wir diese Fahne genommen, haben sie auf dem Schulhof ausgebreitet und haben alle Schüler darum versammelt. Die Schüler der Klasse 10 haben diese Fahne getragen, durch die gesamte Stadt, und wir haben sie auf dem zentralen Platz niedergelegt, an einem Ort, wo die Vorgängerschule - die Schule, in der wir jetzt sind, wurde im Krieg zerbombt und wurde jetzt an dem Ort neu errichtet, an dem wir jetzt sind - und an dem Ort, wo damals unsere Schule zerbombt wurde, haben wir diese Fahne niedergelegt und haben uns direkt daneben eine Kirche geben lassen, die Marktkirche, die größte Kirche des Ortes und haben dort einen eigenen Friedensgottesdienst veranstaltet und sind dann mit dieser Fahne wieder zurückgegangen, und es war ganz eigentümlich, wie getröstet Kinder und auch Lehrer waren, von dem was wir da gemacht haben, obwohl wir an dem Geschick der Welt nichts verändern konnten. Genauso geht es uns mit dem Tod von Schülern oder auch von Lehrern, wo wir auch bestimmte Rituale gefunden haben.

So, ich wollte noch etwas sagen zu den Ritualen, die Lehrer haben. Auch die Lehrer feiern alle Geburtstage im Team. Die Lehrer haben eine besondere Veranstaltung auch nur für sich am Anfang und am Ende des Schuljahres. Wir beginnen das Schuljahr am letzten Ferientag, dann kommen alle. Sie sind schon in der Woche vorher da, aber der letzte Ferientag ist unsere erste große Konferenz und das ist wie ein Fest. Wir beginnen mit einem ausführlichen gemeinsamen Mahl, und dann haben einzelne Kolleginnen und Kollegen etwas vorbereitet. Sie spielen etwas auf ihren Instrumenten oder sie singen etwas mit uns zusammen oder sie lesen etwas vor, und dann werden die neuen Kolleginnen und Kollegen begrüßt. Wir haben auch, wie bei den Schülern im Religionsunterricht, ein großes Zentrum in unserem Versammlungsraum in der Aula, wir sitzen im Kreis und haben Blumen und Früchte und Steine gesammelt. Ich bitte dann den neuen Lehrer in die Mitte dieses Kreises und er bekommt etwas geschenkt im Namen der Schule, das kann ein Stein sein oder irgend etwas Schönes. Er nimmt es in die Hand und ich fordere ihn auf, sich etwas zu wünschen für seine neue Arbeit. Es ist dann sehr still und es hat etwas sehr Berührendes. Außenstehende, die das erzählt bekommen, finden das natürlich abstrus und komisch. Aber es ist für die, die neu ankommen, sehr schön. Ich gebe ihnen die Hand und das Kollegium klatscht und dann erzählen sie etwas über sich, warum sie gekommen sind. Auch das ist etwas, was allen guttut. Denen die schon da sind und denen die neu kommen. Wir haben das im Laufe der Zeit sozusagen entwickelt und entwickeln das auch weiter. Es gibt auch zwei oder drei, die das schrecklich finden. Ich habe ihnen angeboten, sie könnten dann rausgehen für die Zeit, aber sie bleiben doch drin und ertragen es und sagen mir hinterher immer wieder, es wäre schrecklich. Aber davon darf man sich nicht beeinträchtigen lassen. Ich will noch etwas sagen zu einer Sache, die die Lehrer haben. Vor zehn Jahren ist ein sehr beliebter Kollegen an Aids gestorben. Wir wussten, als er die Schule verlassen hat, das er Aids hat, das er nicht wieder zurückkehren würde, wir haben darüber gesprochen und wir haben ihn in seinen Tod mitbegleitet Und es ist noch heute so, an seinem Todestag stehen seine Lieblingsblumen - es sind gelbe Rosen - auf dem Tisch im Lehrerzimmer, und die Kolleginnen sind schön gekleidet. Er war ein Ästhet und hat sich gefreut, wenn man schön war. Nach dem Unterricht gibt es einen kleinen Imbiss im Schulleiterinnenzimmer, da bringt jeder etwas mit, und das ist ungheuer fröhlich, und wir erzählen uns dann, wie das war mit ihm.

Ich wollte Ihnen noch etwas sagen zu den Ritualen, die wir uns speziell für die Pubertätsjahrgänge ausgedacht haben, ich weiß gar nicht, ob ich es Rituale nennen darf. Aber Herausforderungen, für die Klassen 8, 9, und 10. Im Jahrgang 8 wollten wir eigentlich so einen richtigen outward bound - Aufenthalt, also in der Steilwand und ohne Essen, nur mit Kompass usw. Das haben wir nicht hinbekommen. Wir machen jetzt was ganz anderes. Wir haben es in die Klasse 9 verlegt. Im Jahrgang 8 machen wir folgendes: Wir setzten den Religionsunterricht für ein halbes Jahr aus und in diesem halben Jahr sucht jeder Schüler sich eine Person, die Hilfe braucht. Das darf niemand aus der Verwandtschaft sein, aber es können Nachbarn sein, es kann jemand aus der Kirchengemeinde sein. Wer niemanden findet dem helfen wir, aber zunächst müssen sie selber suchen. Einen Menschen, der Hilfe braucht und das sind zu 99 Prozent alte Menschen. Zu diesen Menschen gehen sie dann ein halbes Jahr lang einen Nachmittag in der Woche und führen darüber auch Tagebuch. Am Ende dieses Halbjahres gehen wir in ein Kloster für zwei Tage und erzählen uns unsere Erfahrungen, lesen aus den Tagebüchern vor und überlegen noch einmal, was uns das eigentlich gebracht hat. Die Schüler freuen sich nicht da drauf und hinterher sagen alle: „Es war ganz toll.“ Und ganz viele von ihnen machen es weiter. Gehen weiterhin zu dieser Person. Es gibt viele alte Menschen, die bei uns in der Schule anrufen und sagen: „Wenn Sie das wieder machen, dann will ich wieder einen haben.“

Ganz zum Schluss laden wir dann die alten Menschen in die Schule ein, zeigen ihnen die Schule und die Schüler machen dann irgendwelche Vorführungen für sie. Das nennen wir „tätige Nächstenliebe“. Auch im Jahrgang 8 machen wir ein langes dreiwöchiges Betriebspraktikum und eine vierte Woche dazu ist Auswertung: wie war das, was haben wir erlebt usw. Das sind Herausforderungen denke ich, die für die Schüler nicht einfach sind und an die sie beidesmal mit Angst drangehen und hinterher wirklich ein bisschen größer geworden sind, ein bisschen reifer. Im Jahrgang 9 haben wir zwei Dinge, von denen wir auch meinen, sie seien eine Herausforderung. Jede Klasse 9 kann, wenn sie das will, ein Theaterprojekt machen. Vier Wochen nur Theater spielen, zusammen mit dem Klassenlehrer und einem Regisseur. Da geht dann das Putzgeld ein. Die Klassen müssen sich bewerben und müssen überzeugend darstellen, vor allen Dingen bei mir, dass sie wirklich sehr viel opfern wollen für ein solches Theaterprojekt. Viel Freizeit, dass sie am Wochenende in der Schule sein wollen, dass sie auch bis abends in der Schule sein werden, dass sie wirklich mehr arbeiten. Diese Regisseure sind auch völlig unnachgiebig, also da kommt es nur darauf an, dass da was wirklich Gutes auf die Bühne kommt und die nehmen nicht auf jedes Zipperlein Rücksicht. In einem solchen Theaterprojekt einer Klasse steht die ganze Klasse auf der Bühne, nicht Begabte oder Unbegabte, sondern alle. Das Theaterspielen ist etwas so Wunderbares. Das ist wirklich eine Art Initiation. Es ist mit so viel Aufregung, mit so viel innerer Anteilnahme, mit so viel Angst verbunden. Aber man ist nicht alleine, sondern in der Gruppe wird das gemacht. Wenn die Schülerinnen und Schüler dann, wenn der Vorhang sich öffnet bestanden haben vor den Eltern, was viel schwerer ist, sind die Mitschüler, das ist wie ein Neu-Geboren-Werden. Noch einmal vor die Welt treten, noch einmal empfangen werden und das Schöne dabei ist ja, dass im Gegensatz zu vielen Dingen, die Herr Klosinski gestern erzählt hat, wo wir ja auch Bauchschmerzen haben, wir das ja mit uneingeschränktem Beifall begleiten, was Schüler da machen. Vielfach sind das Stücke, die sie selber schreiben, wo dann auch ihre eigene Problematik zum Ausdruck kommt oder sie suchen sich etwas, wo das sozusagen drinsteckt, was sie im Augenblick bewegt. Auch solche Theateraufführungen des Jahrgangs 9 werden von allen Schülern der Schule besucht. Während der Unterrichtszeit. Das Schöne ist, dass sie vor den Kleinen - die wollen Autogramme haben - ganz groß dastehen. Aber auch die Großen, die gefürchteten Zehntkläßler, die dann mit Hochachtung vor ihnen stehen, das ist etwas ganz Wunderbares. Das vergessen sie nicht. Die vier Wochen, die sie den Unterricht versäumt haben, das macht überhaupt nichts. Alle Schüler, die viel Theater gespielt haben, werden in der Schule besser. Wir begleiten die Schüler, die später in die Oberstufe gehen auch in den Beruf noch sehr lange. Wir haben wissenschaftliche Beratungen, Begleitungen mit unserer Schule und wir wissen, das kann ich mit gutem Gewissen sagen: Wer Theater gespielt hat, wird in der Oberstufe besser. Dieser Schüler hat mal vier Wochen kein Mathe gehabt, dann ist manches vergessen. Das macht nichts, das ist schnell wieder aufgeholt. Aber der Gewinn daraus ist unendlich...