Dr. Hans Jellouschek:

Rituale

Meine Damen und Herren,

mein Name ist Hans Jellouschek. Ich bin von meiner Ausbildung her katholischer Theologe, von meiner Profession Psychotherapeut mit Schwerpunkt auf Paartherapie. Ich möchte am Anfang meines Referats „Heilende Rituale“ meinen persönlichen Hintergrund etwas deutlich machen. Ich bin mit Ritualen in meiner Kindheit in Berührung gekommen. Weniger in meiner Familie, wo es sehr bunt rituell zuging, sondern im kirchlichen Raum. Ich war nämlich Ministrant in der Oberstufe, dann sogar Oberministrant und hatte bei Festgottesdiensten über die Einhaltung der rituellen Vollzüge und Abläufe zu wachen . Es ging damals sehr formell, um nicht zu sagen  formalistisch zu. Man schrieb den Ritualen im kirchlichen Raum eine fast magische Wirkung zu, und dazu musste die Form genau eingehalten werden. So war es kein Wunder, dass ich mich im Zuge meiner Emanzipation vom Elternhaus, von der Kirche und von kirchlicher Theologie auch von diesen Ritualen abwandte und eine stark antiritualistische Haltung einnahm. Ich erinnere mich an meine zweite Heirat. Wir feierten sie ohne Verwandtschaft im Freundeskreis mit einem Minimum an rituellem Aufwand. Und was sich fast nicht vermeiden ließ, zum Beispiel der Ringtausch, das wurde von uns mit ironischer Distanz, mit Witzen und mit schamhaftem Lächeln vollzogen.

Auch in meiner Therapieausbildung begegnete ich derselben Haltung. Bei Eric Berne, dem Begründer der Transaktionsanalyse, eine meiner beiden Therapierichtungen, kommen Rituale im Zusammenhang mit dem Thema Teilstrukturierung vor. Berne zeichnet mit Ritualen unlebendige, klischeehafte und formelhafte Verhaltensweisen, und dem setzt er authentisches, spontanes, unmittelbar aus dem Innern kommendes Verhalten als das einzig Erstrebenswerte und Gesunde entgegen. Das war typisch für die Sechziger - Siebzigerjahre in ihrer Reaktion auf den erstarrten Konservativismus der vorausgegangenen Fünfzigerjahre. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert, und ich bin gerade im Zusammenhang mit Therapie auf eine Neubelebung der Rituale gestoßen, und zwar vor allem innerhalb der systemischen Therapie, der zweiten Richtung, der ich mich verbunden fühle. Das Buch von Evan Imber-Black: „Rituale - Rituale in Familie und Familientherapie“, Auer Verlag 1995, hat mich stark beeindruckt und auch beeinflusst - ich werde mich auch in meinen Ausführungen inhaltlich immer wieder darauf beziehen. Ich bin also von der Seite der Therapie her zu einem Neuverständnis von Ritualen gekommen, und von daher gewinne ich auch mehr und mehr wieder ein neues Verständnis für religiöse und kirchliche Rituale. Aber ich spreche hauptsächlich aus therapeutischem Blickwinkel und das ist sicher auch in diesem Kontext hier gesehen eine einseitige Sicht, die meine Ausführungen prägen wird. Ich hoffe, dass Sie trotzdem daraus die eine oder andere Anregung gewinnen können.

Ich habe mein Referat in drei Teile eingeteilt:

1.   Was sind Rituale?

2.   Wozu brauchen wir Rituale?

3.   Was ist bei Ritualen zu beachten?


Was sind Rituale?


Ich möchte das an zwei Beispielen verdeutlichen. Vor mehreren Jahren bin ich mit meiner Frau Margarethe im Auto in die Ferien nach Südfrankreich gefahren. Wir kannten die Strecke nicht und deshalb waren wir etwas nervös und angespannt. Ich saß am Steuer, Margarethe hatte den Autoatlas in der Hand, um mir den Weg zu weisen. Meinem Gefühl nach tat sie das zu undeutlich und verworren und ich kritisierte das. Die Reaktion bei ihr war, ich solle mich nicht ständig in ihre Aufgabe einmischen, wo ich doch keine Ahnung hätte. Das wiederum veranlasste mich, noch deutlichere Hinweise zu geben, wo ich ihre Hinweise undeutlich fand, und so verwickelten wir uns in einen unerquicklichen Streit, der anstieg und abebbte, anstieg und abebbte, bis unsere Stimmung am späten Nachmittag, als wir am Mittelmeer angekommen waren, auf dem Nullpunkt war. Wir waren beide sehr unglücklich und wir wollten den Urlaub, auf den wir uns so gefreut hatten, nicht so beginnen. In der Abenddämmerung gingen wir an den Strand und dabei fiel unser Blick gleichzeitig auf eine große, dürre, stachelige Distel, die da herumlag. Das war es - ein treffendes Symbol für die Reibereien und die ganze ungute Stimmung den Tag über. Die wollten wir loswerden. Wir nahmen die Distel, banden sie mit einem Grashalm fest an einen Stein und dann gingen wir auf einem langen Steg aufs Meer hinaus. Ich warf mit großem Schwung die an den Stein gebundene Distel ins Wasser, und sie verschwand auf Nimmerwiedersehen. Dann sind wir Essen gegangen und haben den Urlaub froh und erleichtert begonnen.


Zweites Beispiel: Eine Frau aus meinem Freundeskreis, ich nenne sie hier Regina, hatte einen Unfall. Sie hatte es eilig gehabt, sie wollte der kranken Nachbarin noch schnell einen frischen Tee bringen. Dabei war sie gestolpert, die Treppe hinauf gegen einen Mauervorsprung gefallen. Das Blut schoss ihr über das Gesicht, ohnmächtig musste sie mit dem Notarztwagen in die Klinik gebracht werden. Die Nase war gebrochen, das Gesicht verletzt, die Halswirbelsäule in Mitleidenschaft gezogen. Es sah zunächst schlimm aus. Doch Regina erholte sich in unglaublich kurzer Zeit. Es stellte sich alles als recht unkompliziert heraus und bald war auch klar, dass der Unfall keinerlei bleibende Entstellungen hinterlassen würde. Regina fühlte deshalb eine große Dankbarkeit und sie hatte das Bedürfnis, das irgendwie zum Ausdruck zu bringen und mit den unmittelbar Betroffenen zu teilen. Sie rief ihre Kinder zusammen - ihr Sohn hatte ihr bei dem Unfall Erste Hilfe geleistet - und sie lud die Nachbarin ein, der sie damals den Tee bringen wollte. Man setzte sich zusammen. Auf dem Tisch stand der bei der Aktion zu Bruch gegangene Krug. Dann erzählten sich die Beteiligten nochmals den Hergang der Ereignisse, jeder aus seiner Sicht. Regina sprach von ihrer großen Dankbarkeit dafür, dass es so glimpflich verlaufen und dass sie so rasch wieder hergestellt war. Und die Nachbarin, eine Pfarrerin und darum in diesen Dingen bewandert, sprach, während sich alle bei den Händen hielten, einen Psalm und ein Dankgebet. Und dann ging man froh und erleichtert auseinander.


Diese beiden Beispiele erzählen von Ritualen. Zu einem Ritual gehört, dass man etwas miteinander begeht und zwar mit einer gewissen Feierlichkeit, und dass sich das nach einem vorgegebenen geplanten Ablauf vollzieht. Man verwendet dabei Symbole - die Distel, der zerbrochene Krug - und man vollzieht symbolische Handlungen. Das Werfen der Distel ins Meer und das Sich-bei-den-Händen-Nehmen im zweiten Beispiel. Und man spricht neben spontanen auch vorgegebene Worte, z.B. den Psalm und das Dankgebet. Diese Beispiele handeln nicht von offiziellen Ritualen, sondern von privaten, und das scheint mir typisch für unsere Situation. Wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der, vielleicht immer noch als Nachwirkung der 68er Jahre, vorgegebene religiöse oder gesellschaftliche Rituale an Bedeutung verloren haben, weil sie von vielen Menschen als leer empfunden werden und darum nicht mehr mitvollzogen werden können. Aber auch in einer Zeit, in der das Bedürfnis nach Ritualen wieder erwacht, so dass wir ihnen eher im privaten Raum begegnen, wo sie kreativ und lebendig vollzogen werden mit selbstgefundenen Symbolen, Symbolhandlungen und Wortformen. Aber warum wächst das Bedürfnis nach Ritualen? Wozu brauchen wir sie, wozu sind sie überhaupt gut?

Das in meinem zweiten Teil. Ich möchte das erläutern, im Rückgriff auf die beiden erzählten Beispiele und auch im Vorgriff auf andere einzelne Beispiele.

Wozu brauchen wir Rituale?

1.  Rituale helfen uns, etwas das uns sehr betrifft und betroffen macht, angemessen zum Ausdruck zu bringen. Damit lösen sie etwas in uns, auf dem wir sonst sitzen bleiben würden und das wir verdrängen müssten. Es gibt im Leben Ereignisse und Situationen, die unseren spontanen Ausdruck überfordern, weil sie entweder zu gegensätzliche Gefühle oder uns zu starke Gefühle hervorrufen oder Gefühle, für die uns angemessene Ausdrucksmöglichkeiten in unserem Alltagsrepertoire fehlen. Dafür stellen Rituale Formen, Symbole und Worte zur Verfügung, in denen wir sozusagen unser Empfinden unterbringen können, wenn der spontane Ausdruck versagt oder vielleicht sogar lächerlich wirken würde. Im ersten Beispiel handelte es sich bei meiner Frau und mir um ein Gefühlsgemisch, das uns einfach überforderte. Aufgestauter Ärger, Wut, Enttäuschung einerseits. Der Wunsch nach Neuanfang, Sehnsucht, das alles hinter sich zu lassen, um den Urlaub unbeschwert beginnen zu können, andererseits. Die Distel und das Versenken der Distel im Meer brachte dieses Gemisch von widersprüchlichen Gefühlen und Wünschen besser zum Ausdruck, als es durch sonst irgend etwas möglich gewesen wäre. Wir wurden das richtiggehend los und waren wirklich nachher wieder unbeschwert. Und im zweiten Beispiel: Das Gefühl der Dankbarkeit von Regina war zu stark, um in banalen Alltagsworten zum Ausdruck zu kommen. Es brauchte diese besondere Situation, diese besondere Inszenierung. Es brauchte das Symbol des Kruges, des zerbrochenen. Es brauchte die feierliche Sprache des Psalms, dann konnte Regina sozusagen das Geschehene erleichtert hinter sich lassen und das Neue beginnen. So gibt es immer wieder Ereignisse in unserem Leben, die unsere Gefühle überfordern und zwar in noch viel bedeutsamerem Maß, z.B. wenn ein naher Mensch stirbt, oder wenn geheiratet wird, oder wenn ein Kind geboren wird. Und darum umgeben wir gerade solche wichtigen zentralen Lebensereignisse mit Ritualen. In Worten und Symbolen können wir angemessen ausdrücken, was uns bewegt. Die Gefahr ist sonst, dass wir entweder überwältigt werden von den Gefühlen, z.B. bei der Trauer, oder dass uns gar kein angemessener Gefühlsausdruck zur Verfügung steht und wir die Gefühle verdrängen müssten. Oder wir würden wichtige Ereignisse banalisieren, wenn wir keine Rituale hätten. Das war also das Erste: Ausdruck schwieriger oder zu großer oder zu widersprüchlicher Gefühle.

2.  Rituale helfen uns wichtige und schwierige Übergänge im Leben zu markieren und zu vollziehen. In unseren Beispielen handelte es sich beide Male um eine Übergangssituation: einmal von dem Zustand des Ärgers und des Streits zu Versöhnung und Frieden, oder allgemeiner, vom Alltag mit seinen Querelen in den Urlaub mit der erwünschten Erholung, und im zweiten Beispiel vom Zustand der Krankheit in den Zustand der Gesundheit, als Errettung aus einer ganz bedrohlichen Situation. Dabei ist wichtig im Ritual: Wie wird der frühere Zustand, die frühere Phase nochmals präsent gemacht. In unserem Beispiel durch den zerbrochenen Krug, der unmittelbar an den Unfall erinnerte, oder die Distel, die diese ganzen Querelen den Tag über nochmal deutlich machte. Man schaut also nochmals hin. Was war? Man macht sich im Symbol das bewusst, um es dann loslassen und Abschied nehmen zu können, und um sich dann unbeschwert dem Neuen zuwenden zu können. Neben solchen Einzelereignissen gibt es natürlich noch viele andere uns vielleicht auch noch einschneidendere Übergänge im Lebenszyklus, bei denen wir das Bedürfnis haben, sie mit Ritualen zu umgeben, um sie zu vollziehen, zum Beispiel durch die Hochzeit oder beim Schuleintritt oder beim Schulabschluss oder beim Übergang in den Ruhestand. Und wir stellen in all diesen Gelegenheiten fest, dass neue Rituale im Entstehen sind, weil wir das Empfinden haben, dass wir ein bewusstes Vollziehen dieser Übergänge, dass wir dafür Rituale brauchen, in denen das Alte nochmals bewusst angeschaut wird, in denen Abschied genommen wird vom Alten, es hinter sich gelassen wird, und in denen wir und durch die wir zum Ausdruck bringen, dass wir jetzt auf das Neue zugehen. Es gibt natürlich auch Übergänge im Leben, die mindestens so einschneidend sind wie die genannten, für die aber in unserer Gesellschaft keine Rituale vorgesehen sind, weil diese Lebensübergänge nach wie vor tabuisiert sind. Ich denke da z. B. an die Trennung von Liebespartnern oder Lebenspartnern. Dafür sind im therapeutischen Bereich z.B. Trennungsrituale entwickelt worden, in denen auch das Vergangene nochmals angeschaut wird, z.B. mit den Worten: „Ich nehme von dir, was du mir gegeben hast und will es in Ehren halten. Und auch für das Negative, für das was schiefgegangen ist, übernehme ich meinen Teil der Verantwortung und überlasse dir deinen Teil.“ Und dann wird bewusst Abschied genommen: „Als Partner verabschiede ich mich von dir.“ Und dann wird auf das Neue gesehen: „Ich gehe jetzt meinen Weg und lasse dich deinen Weg gehen.“ Solche Rituale kann man zum Beispiel in der Therapiesituation machen. Wo ich es getan habe, hat es für eine faire und gute Trennung, die für beide einen Neuanfang bedeutet hat, immer wieder sehr gute Auswirkungen gehabt. Also zweitens, Rituale markieren und helfen uns Lebensübergänge zu vollziehen.

3.  Rituale geben uns in Situationen, in denen wir uns ohnmächtig fühlen, Handlungsmöglichkeiten. Im Beispiel eins: Wir waren in einer schwierigen Situation und wir wollten Verletztheit, Enttäuschung und Ärger loswerden. Aber wie macht man das? Wie wird man so etwas wieder los? Es gelingt nicht oder sehr selten, einfach zu vergessen oder einfach darüber hinwegzugehen. Wenn man es versucht, kommt es meist immer wieder hoch und zwar an den unpassendsten Stellen. Wir fühlen uns hilflos, es geht nicht weg, es war in der Vergangenheit, es ist auch in der Gegenwart. Es geht nicht weg, weil wir die Vergangenheit nicht ändern können, obwohl wir es eigentlich weghaben wollen. Wir haben die Situation mit der Distel symbolisiert. Aber damit haben wir auch eine Handlungsmöglichkeit bekommen. Die Distel konnten wir ins  Wasser schmeißen. Man darf die Bedeutung von so etwas nicht unterschätzen. Wir sind Menschen aus Seele, Geist und Leib und die leibliche Seite verlangt nach solchen Handlungsmöglichkeiten, damit etwas für uns wirklich wird. Wenn wir solche Handlungsmöglichkeiten haben, dann geschieht auch tatsächlich in unserem Inneren etwas. So war es auch im zweiten Beispiel. Regina hatte das Bedürfnis etwas zu tun, aber im Alltagsverhalten da gab es ja nichts mehr zu tun. Trotzdem war das Bedürfnis da, die Freude über die glückhafte Gesundung auch in einem konkreten Tun zum Ausdruck zu bringen, und auch hier war also der rituelle Vollzug die Möglichkeit, das Gefühl der Ohnmacht zu überwinden. In der Therapie begegne ich dem Gefühl der Ohnmacht ganz oft bei Ereignissen, die in der Gegenwart nachwirken, aber in der Vergangenheit geschehen sind, bei sogenannten unerledigten Angelegenheiten, entweder aus der Geschichte des Paares oder aus der eigenen individuellen Vergangenheit. Ich erinnere mich an ein Paar, mit dem ich im Rahmen einer Gruppe gearbeitet habe, und sie haben zueinander gesagt - sie standen gerade vor dem Ruhestand - : „Wir möchten so gern neu anfangen, aber auf unserem Weg da liegen dicke Brocken, über die wir immer wieder stolpern.“ Daraufhin habe ich sie an die Ammer geschickt und habe sie in der Mittagspause die dicken Brocken auf einen Haufen sammeln lassen und dann habe ich sie gebeten, sie sollen die Brocken benennen und dann sollen sie entscheiden, über welche Brocken sie nochmals ausdrücklich verhandeln müssten und welche Brocken sie getrost in die Ammer schmeißen könnten. Und das haben sie dann auch gemacht. Und nach der Mittagspause kamen sie dann ganz erleichtert zurück und die Möglichkeit des neuen Anfangs war sehr viel näher gerückt. Oder auch unerledigte Angelegenheiten mit Verstorbenen. Jemand hat zum Beispiel den Eindruck, er hätte so notwendig noch seinem Vater, seiner Mutter, seinem Lebenspartner etwas sagen müssen und er konnte es nicht mehr, weil dieser vorher gestorben ist. Dann gibt es z.B. die Möglichkeit, da fordere ich manchmal Menschen auf, in solchen Situationen einen Brief an den Verstorbenen zu schreiben, und je nachdem was ihm näher liegt, diesen Brief z.B. zu verbrennen, so dass es sich sozusagen auflöst, oder diesen Brief zu nehmen und ihn beim Grab des Betreffenden zu begraben. Solche Dinge wirken i.d.R., wenn sie zum richtigen Zeitpunkt geschehen und mit dem entsprechenden Engagement, unglaublich lösend. Unabgeschlossene Dinge werden abgeschlossen und können so wirklich losgelassen und in der Vergangenheit gelassen werden, so dass man frei wird für die Aufgaben und die Möglichkeiten der Gegenwart und der Zukunft. 3.  Die Rituale geben uns Handlungsmöglichkeiten.

4.  Rituale stiften Gemeinschaft und stellen Verbindung her oder wieder her. Das ist auch in beiden Beispielen sehr deutlich. Im ersten, bei unserem Streit, war unsere Gemeinschaft bedroht oder zerbrochen, wir waren weit auseinander und der Riss schloss sich dadurch, dass einer von uns die Idee mit der Distel hatte und der andere sich dem anschloss, und dass wir zusammen das Ritual überhaupt entwickelten .Dadurch kamen wir natürlich schon sehr viel näher zusammen und vor allem dadurch, dass wir das dann miteinander vollzogen haben. Und so auch im Beispiel zwei: Ein gemeinsames Dankritual schafft natürlich Verbindung zwischen den Beteiligten und zwar auf einer tieferen als der Alltagsebene. Das nochmals gemeinsam erlebte Entsetzen über die Gefahr und die gemeinsam geteilte Freude über die glückliche Heilung ist etwas sehr tief Verbindendes, das einem über kleinere Alltagszwistigkeiten leicht hinwegträgt. So erlebe ich es auch immer wieder bei Versöhnungsritualen in der Therapie, von denen ich gesprochen habe. Es wird wieder Verbindung hergestellt zwischen zweien oder mehreren, Verbindungen, die zerrissen waren, und eine neue Gemeinschaft wird gestiftet. Das kann auch im Ritual die Toten mit einbeziehen. Jemand lebt zum Beispiel noch immer in innerem Groll gegen Vater oder Mutter, die vielleicht schon lange tot sind. Und wir vollziehen dann vielleicht in der Gruppe ein Ritual, in dem Gruppenteilnehmer Vater, Mutter oder auch die übrigen Familienmitglieder repräsentieren. Der Unversöhnte tritt ihnen nun quasi real gegenüber.Im Aussprechen seiner Gefühle und im Nachvollziehen vorgegebener, also quasi ritueller Sätze kann es sein, dass er dadurch einen wichtigen Schritt zur Versöhnung macht. Etwas, das ihm in bloßem Nachdenken und Nachgrübeln darüber oft jahrelang nicht möglich war. Eine solche Versöhnung und nur eine solche Versöhnung macht frei für die eigene Zukunft, denn der Groll bindet. Der Groll bindet in der Vergangenheit und in die Vergangenheit zurück. Und im Ritual kann solcher Groll überwunden und eine solche Versöhnung möglich werden. Ähnliches auch bei unausgedrückter Trauer um ein verstorbenes Kind zum Beispiel. Ich erinnere mich an ein Paar. Vor vielen Jahren musste da ein Kind abgetrieben werden, weil sonst das Leben und die Gesundheit von Frau und Kind gefährdet gewesen wäre. Beide haben nicht getrauert um dieses Kind, weil sie sich nämlich in einen furchtbaren Streit darüber verwickelt hatten. Einer hat auf eine Weise, auf die ich hier nicht näher eingehen kann, den anderen beschuldigt, schuld an diesem Tod des Kindes zu sein. Und so haben sie sich in einen bitteren Zwist hineinmanövriert, der in vielen kleinen Konflikten zum Ausdruck kam, und konnten nicht darüber weggehen. In der Gruppe haben wir einen Gruppenteilnehmer sich zwischen die beiden setzen lassen und wir haben beide aufgefordert, die Hand diesem Gruppenteilnehmer - er hat das tote Kind dargestellt - auf seinen Kopf zu legen. Und in dem Moment brach eine unglaublich große Trauer aus den beiden. Sie haben sich mit dieser Trauer angeschaut und sind sich zum erstenmal seit vielen Jahren wieder begegnet ohne Hass und Groll, verbunden in der gemeinsamen Trauer um dieses tragisch zugrunde gegangene Kind. Rituale schaffen also Verbindung und stellen Gemeinschaft wieder her.

5.  Rituale verleihen dem Leben an manchen Punkten Festlichkeit und Feierlichkeit. Und damit schaffen sie einen guten Rhythmus im alltäglichen Allerlei. An unseren Beispielen wird es gut spürbar. Das Ritual mit der Distel hat unseren unerquicklichen Tagesablauf bis dahin gründlich unterbrochen. Es kam eine gewisse Stimmung von Fröhlichkeit und Festlichkeit auf, mit der wir den Urlaub gut beginnen konnten. Noch deutlicher wird es im zweiten Fall. Das Dankesritual war ja an sich schon ein kleines Fest, mit dem man die Genugtuung über Reginas Gesundheit zum Ausdruck gebracht hat. Warum ist so etwas wichtig und heilsam? Wir leben in einer Zeit, in der vorgegebene Rhythmen immer mehr verschwinden. Früher gab der Feierabend dem Tag, der Sonntag der Woche, die Feiertage dem Jahr einen Rhythmus von Alltag und Festlichkeit. Die Feste des Kirchenjahres verlieren aber an Bedeutung. Die Verlängerung der Ladenschlusszeiten, die gleitende Arbeitszeit, Wochenendarbeit, Arbeitszeitkonten usw. tragen immer stärken dazu bei, dass Zeitrhythmen, die früher kollektiv vorgegeben waren, immer mehr verschwinden, und der Umgang mit der Zeit immer mehr individualisiert wird. Und dabei besteht die Gefahr, dass die Zeit in Arbeit und Pflichterfüllung eingeebnet wird. Um den richtigen Ausgleich zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Anstrengung und Muse, zwischen Progression und Regression zu finden, müssen wir uns heute mehr und mehr selber individuell solche Rhythmen schaffen. Das geschieht zum Beispiel, wenn wir bestimmte Anlässe in unserem Leben rituell begehen. Denn wie unsere Beispiele zeigen: Rituale schaffen Festlichkeit und unterbrechen auf diese Weise wohltuend den Alltag mit seiner Pflichterfüllung und Zweckorientierung.

6.  Zu unserer Identität gehört unsere Geschichtlichkeit. Wir sind in uns nur zuhause, wenn wir lebendig mit unserer Vergangenheit verbunden sind. Wir haben dann ein sicheres Gefühl in uns selbst, wenn wir in unserer Geschichte verwurzelt sind. Um aber Vergangenheit gegenwärtig werden zu lassen, helfen Rituale, wie wir sie zum Beispiel an Geburtstagen, an Jahrestagen, an Gedenktagen vollziehen. Rituale halten also die Erinnerung wach. Sie machen Vergangenes wieder erlebbar und wehren so dem Vergessen und der Verdrängung. Es ist gut, wenn wir uns von Zeit zu Zeit erinnern, was in der Vergangenheit war, in unserer eigenen, in der unserer Familie und der unseres Volkes. Wir können uns so selber immer wieder neu in Besitz nehmen. Wir erschließen uns immer wieder neue Ressourcen, die wir bis dahin noch nicht beachtet haben, und wir machen uns das bewusst, was vielleicht immer wieder der Transformation bedarf, um aus der Vergangenheit heraus nicht negativ auf unsere Mitmenschen in der Zukunft zu wirken. Ein kleines Beispiel dazu aus meiner eigenen Therapie. Ich bin da zum ersten Mal überhaupt auf meinen mütterlichen Großvater gestoßen. Er war ein einfacher, unbedeutender, ungelernter Kellner in einer Bahnhofsgaststätte. In meiner Familie war er tabuisiert, weil meine Mutter durch ihn unehelich auf die Welt kam. Mein Therapeut verhalf mir zu einer Begegnung mit ihm, indem er ihn in einem rituellen Rollenspiel von mir vergegenwärtigen ließ. Seit dieser Begegnung weiß und spüre ich: Dieser schlichte, ungebildete, ganz gewöhnliche Mann ist tatsächlich auch mein Großvater und er ist seither in meinem Bewusstsein ein heilsames Gegengewicht gegen die Leistungs- und Qualitätsansprüche meiner väterlichen Herkunftsfamilie. Rituale sind über dieses Individuelle und natürlich darüber hinaus in höchstem Maß geeignet, auch kollektive Ereignisse in unserem gemeinsamen Gedächtnis zu bewahren, wie zum Beispiel die Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte, der Nazizeit usw. Und darum haben Mahnmale und Gedenkfeiern u.dgl. eine große Bedeutung für unsere Verwurzelung in der Geschichte und für ein verantwortungsvolles Umgehen mit ihr in der Gegenwart und für die Zukunft. Zusammenfassend möchte ich also in diesem zweiten Teil sagen: Rituale können hilfreich sein, um wichtige vorhersehbare und unvorhersehbare Lebensereignisse angemessen deutlich zu machen und sie zu bewältigen. Durch Symbole, symbolische Worte und Handlungen können wir zum Ausdruck bringen und vollziehen, was ohne Ritual unsere Gefühle, unsere Möglichkeiten und unsere Fähigkeiten überfordern würde. In diesem Sinne haben Rituale heilende Wirkung. Als Lebensereignisse und Lebensthemen, für die Rituale besonders hilfreich sind, habe ich genannt: Übergänge im Lebenszyklus, zum Beispiel der Übergang von  Arbeit in den Ruhestand oder auch kleinere Lebensübergänge, Phasen im Leben, zum Beispiel der Übergang von einem Zustand der Verletztheit in einen Zustand der Versöhnung. Rituale haben eine große Bedeutung, wenn es um das Thema Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft geht, also wenn zum Beispiel ein neues Familienmitglied hinzukommt, oder wenn jemand Abschied nimmt und aus einer Gemeinschaft ausscheidet, oder wenn Gruppen wieder oder erstmals.sich zusammenschließen, oder auch wenn es um den Zusammenhang und Zusammenhalt der Generationen geht. Rituale sind darüber hinaus bedeutsam für Ereignisse, die man angemessen nur festlich begehen kann, wie es zum Beispiel in dem Ritual zur Genesung meiner Freundin deutlich wurde. Und Rituale haben eine große Bedeutung für die Vergegenwärtigung von Ereignissen der Vergangenheit, die für uns von Bedeutung sind und mit denen wir uns immer wieder verbinden wollen, damit sie positiv in unserer Geschichte weitergehen.

Ich komme zum dritten und letzten Teil.

Worauf ist beim Schaffen und beim Praktizieren von Ritualen zu achten?

Ich habe schon gesagt und es wurde auch anfangs mehrfach erwähnt: Die durch Kirche und Gesellschaft vorgegebenen Rituale haben heutzutage weithin an Kraft verloren. Sie werden als äußere Formen empfunden, die keinen Inhalt mehr haben und die uns innerlich nicht mehr berühren, so dass wir darin oft gerade nicht mehr unterbringen können, was uns bewegt und betrifft. Wenn wir aber auf die heilende Wirkung von Ritualen nicht verzichten wollen, dann sind wir darauf angewiesen, entweder vorhandene Rituale neu zu gestalten oder überhaupt neue Rituale zu kreieren. Ich möchte einige Gedanken vorbringen, worauf wir, wenn wir alte Rituale neu gestalten oder neue Rituale kreieren, achten sollten. Allgemein gesprochen gibt es eine doppelte Gefahr, nämlich einerseits die Gefahr der Erstarrung in der äußeren Form, die man vollzieht ohne inneres Verständnis oder innere Beteiligung. Das erleben wir bei den vorhandenen traditionellen Ritualen. Aber auch bei neu geschaffenen Ritualen besteht immer die Gefahr der Erstarrung in der äußeren Form. Darum liegt andererseits immer wieder die Gegenreaktion nahe, nämlich die Gefahr des Verlustes der Form. Man schafft die Form einfach ab, man praktiziert gar keine Form mehr. Damit geht aber auch die positive und heilende Wirkung verloren, die Rituale haben können, und das Leben verliert an Reichtum und Tiefe. Zwischen diesen beiden Gefahren, der Erstarrung in der äußeren Form und des Verlustes der äußeren Form, gilt es einen Mittelweg zu finden. Wir brauchen einerseits wieder den Mut zur äußeren Form, dem Mut zum Symbol, zur Symbolhandlung, den Mut zum vorformulierten Wort. Aber andererseits brauchen wir auch den Mut, das alles wieder abzuschaffen, umzugestalten, neu zu kreieren, wenn die äußere Form zu erstarren droht. Wir leben in einer Gesellschaft, deren Lebensweise gekennzeichnet ist von Pluralisierung und Individualisierung. Es gibt immer weniger kollektive Vorgaben, verbindliche Normen, allgemein praktizierte Verhaltensweisen. Und darum sind Paare, Familien, Gruppen und Gemeinschaften immer stärker darauf angewiesen, sich ihre eigenen Rituale selbst zu erschaffen. Und dafür ein paar Hinweise, die ich allerdings auch wieder in erster Linie aus der Therapie gewonnen habe und daher sind sie sicher auch einseitig.

1.  Es ist gut Rituale in einem gemeinsamen Prozess der Beteiligten bzw. Betroffenen zu entwickeln, d.h. welche Symbole man verwendet, welche Handlungen vollzogen und welche Worte gebraucht werden, sollen diejenigen, die das Ritual vollziehen werden, selber erarbeiten und herausfinden. Die Chance, dass dann kein leerer Vollzug entsteht, sondern dass es wirklich Ausdruck dessen ist, worum es geht, ist sehr groß. Außerdem ist dieser Prozess der gemeinsamen Entwicklung des Rituals selbst schon eine ganz intensive Auseinandersetzung mit der Sache oder dem Thema, um das es geht. Ich erinnere an das Distelbeispiel.

2.  Es ist gut an bereits vorhandene, in der Tradition vorhandene und praktizierte Rituale anzuknüpfen. Wenn es auch so ist, wie ich gesagt habe, dass traditionelle Rituale ihre expressive Kraft verloren haben, so sind doch die traditionelle Rituale bei Hochzeit, Taufe, Begräbnis, Weihnachten, Ostern usw. tief in unseren Seelen verankert. Und darum ist es sinnvoll, daran anzuknüpfen. Oft haben Worte, Symbole, Gesten unserer alten Traditionen eine Würde und eine Kraft, an die eine neu gefundene Ausdrucksform nicht heranreicht. Wir brauchen unsere heutigen Ausdrucksformen, damit wir uns mit dem Ritual identifizieren könne, aber wir brauchen auch die Ausdrucksformen der Tradition, damit das ganze nicht oberflächlich und kurzatmig wird.

3.  Beim Finden geeigneter Symbole und geeigneter Worte ist es oft sinnvoll auf die Sprache und die Sprachgewohnheiten der Beteiligten zu achten. Sie enthalten manchmal wichtige Hinweise. Ich erinnere an das Beispiel von den Brocken, die in der Vergangenheit des Paares lagen, die den Hinweis gaben auf das geeignete Symbol für die Bewältigung dieser Brocken.

4.  Weil Rituale notwendigerweise eine äußere Form haben, die Form aber lebendig vollzogen werden soll, ist es sinnvoll, wenn ein Ritual geschlossene und offene Elemente enthält. Geschlossene Elemente sind Bestandteile, die vorgegeben sind, also zum Beispiel die Zeit, in der es stattfindet, der Rahmen, in dem es stattfindet, der Gesamtablauf, bestimmte Symbole, Handlungen und Worte, die im vorhinein festgelegt sind. Alles, was man nicht dem spontanen Einfall überlassen möchte, weil man damit überfordert wäre, d.h. wir machen die Erfahrung, dass das spontane Sprechen und Handeln in manchen Situationen schwierig wird, weil die Gefahr des Zerredens oder die Hemmung zu handeln oder die Sprachlosigkeit zu groß ist. Ich erinnere an die Beispiele, die ich gebracht habe, für Versöhnungsrituale oder auch beim Trennungsritual. D.h. geschlossene Elemente eines Rituals setzen auch voraus, dass jemand da ist, der dabei Regie führt und für den geordneten Ablauf sorgt. Daneben sollte es aber auch offene Elemente geben, d.h. Raum und Möglichkeit für den spontanen Ausdruck aus dem Moment und der Situation heraus und dafür sollte es auch Raum geben im Ritual. Das ist wiederum wichtig, damit die äußere Form nicht erstarrt.

Fünftens - davon habe ich bis jetzt noch nicht gesprochen - :Bei manchen Ritualen ist ein Zeuge wichtig, vor dem das Ritual vollzogen wird. Bei der Hochzeit gibt es ja zum Beispiel den Vertreter des Staates oder der Kirche oder auch die Trauzeugen als Zeugen. Bei therapeutischen Ritualen habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich da nicht nur als Begleiter oder Moderator des Prozesses wichtig war, sondern auch in einer anderen Rolle, nämlich als einer, der anwesend ist, der mitbekommt, was da vollzogen wird, ohne selber daran beteiligt zu sein -  also in einer Rolle des Zeugen, der in irgend einer Form Resonanz gibt für das Richtige, was hier geschieht, und so wird das ganze wichtig und bedeutsam. Gerade bei Ritualen, bei denen es um Entscheidung für etwas Neues geht. Man tut sich zusammen oder auch man geht auseinander. Man geht in eine neue Richtung. Man vollzieht einen Übergang. Gerade bei solchen Ritualen scheint die Anwesenheit des resonanzgebenden Zeugen sehr wichtig zu sein.

Ich komme zum Schluss.

Unser gesamtes Erziehungs- und Bildungswesen ist wohl immer noch sehr kopflastig und einseitig kognitiv, rational ausgerichtet, je höher es in der Bildungshierarchie hinaufgeht, desto mehr. Von einem solchen erwachsenen, intellektuellen, wissenschaftlichen, universitären Standpunkt aus kann man sich über rituelle Vollzüge leicht lustig machen und sie als Rückfall in ein vormodernes, magisches Weltbild abtun. Man braucht zum Vollzug von Ritualen ein gewisses Maß an Demut, nämlich die Demut einzugestehen, dass wir als Menschen nicht nur Geist sind, sondern dass wir auch emotionale und leibliche Wesen sind, die etwas fühlen und greifen müssen, damit sie es wirklich begreifen können, und die darum angewiesen sind auf Bilder, auf Symbole, auf Gesten und Handlungen.


Ich wünsche mir und Ihnen, dass diese Tagung Ihnen in dieser Hinsicht viele Anregungen und neue Ideen vermittelt. Danke.